Tourberichte


alles rund um unsere erlebnisse

Lago Maggiore 2017

Lago Maggiore 30.09.2017 bis 05.10.2017

„Rudern Sie nach Italien?“

… fragt die einheimische Passantin am Steg im Schweizerischen Locarno, als wir unser Boot an der Rampe ins Wasser lassen. Ja, wir (eine Gruppe von 12 Ruderern aus ganz Deutschland unter Federführung von Norbert von Seemalrhein) rudern mit dem Finnischen Kirchboot Karisma mit 14 Ruderplätzen bei angenehmen Temperaturen auf dem Lago Maggiore in 4 Etappen von Locarno ins Italienische Arona und darüber hinaus ein Stück im Ticino. Die letzten beiden Rudertage erkunden wir die wesentlich kleineren und sehr unterschiedlichen Oberitalienischen Seen Lago Varese und Lago D’Orta. Der 66 km lange Lago Maggiore erstreckt sich vom Schweizer KantonTessin nach Süden in die italienischen Regionen Piemont und Lombardei und ist bis zu 370 m tief. Das Westufer ist von satt grünen Bergen begrenzt, das gegenüberliegende ist flacher. Malerische Orte am Hang, ein jedes mit seiner Kirche, Villen und Häuser im Italienischen Stil und vor allem die üppige südliche Vegetation bieten den ganzen Tag neue Ausblicke.
Der 15 km lange naturbelassenere Lago Varese ist nur 10 m bis 26 m tief; der in 290 m Höhe gelegene 13 km lange Bergsee Lago D’Orta mit bis zu 140 m Tiefe ist von wunderschöner Architektur umgeben und es gibt eine malerische Insel.

Für die erkrankungsbedingt zu Hause gebliebenen und die, die jetzt noch weiterlesen wollen, gibt es hier ein Tour-Tagebuch:

Sonnabend, 30.09.2017
Nach der Anreise mit dem fast 20 m langen Gespann mit 9-Sitzer Sprinter und dem 12,5 m langen Kirchboot geht es ohne Umschweife mit reduzierter Besatzung los, raus aus dem Auto, Umziehen im lokalen Ruder- und Tauchclub und um 13.10 schwimmt Karisma, während der Landdienst das Auto weiter befördert. Bei 18 °C und lockerer, in den Bergen teils aufliegender Bewölkung löst sich die anfängliche Anspannung schnell und wir können erst mal die Landschaft genießen. Zwei Tiefdecker bieten über uns Formations- und Kunstflug. Vorbei an der Isola Brissago und dem gleichnamigen Ort passieren wir die italienische Grenze, die nur durch die Zollstation an Land erkennbar ist. Nach 18 km laufen wir auf einen steinigen Strand eines Campingplatzes auf, wo das Boot übernachtet, während wir weiter zu unserer Unterkunft, der Villetta Kitzerow, fahren.
Die Besitzerin Francesca erwartet uns und wir beziehen das Ferienhaus, das seit 1862 im Familienbesitz als solches dient und nach Francescas Ur-Ur-Ur-Großvater benannt ist. Die Villa mit ihrem eigenem Charme ist erhöht in Meina nahe Arona am Hang gelegen mit traumhaftem Seeblick und Blick auf die gegenüber gelegene Festung Rocca di Argena, (die sich wie die Festungsruine Rocca di Arona und einige Inseln noch heute im Besitz der alteingesessenen Familie Borromeo befindet.) Zum Charme gehören knarzige Türen, statt Kaffeemaschine etliche der italienischen Alu-Espressokocher, ein zwischenzeitlich kaputter Warmwasserboiler und eine tägliche Herausforderung stellt die steile Einfahrt mit spitzwinkliger Kurve dar (für Norbert natürlich kein Problem, aber der Hänger muss doch unten bleiben). Abends gehen wir essen, sitzen draußen und flanieren durch Arona. Es ist Sonnabend und der Ort ist voll Musik und südländischem Flair und prallem italienischen Leben. Wunderbar. Dies ist übrigens der einzige Abend, den wir später am Kamin im Wohnzimmer verbringen, ansonsten sitzen alle wie üblich in der Küche.

Sonntag, 01.10.2017
Wir rudern bis Cannobio, wo ein überregional bekannter Markt an der Uferpromenade mit seinen Menschenmassen in den Gassen und eher fadenscheinigem Angebot uns schnell flüchten lässt. Mit kräftigem Gegenwind aus SO gehts bei hochnebelartiger Bewölkung weiter entlang der Westküste, vorbei an der Insel mit zu renovierender Festung Castelli di Cannero und dem gleichnamigen idyllischen Ort. In Intra können wir das Boot im kleinen Hafen des Ruderclubs lassen und im Restaurant des Clubs gleich wunderbar essen mit einem leichten Weißwein. Ausnahmsweise fährt Claudia uns nach Hause.

   

Montag, 02.10.2017
Wir rudern eine wunderschöne Strecke, vorbei am Landzipfel von Verbania und den Inseln Isola Madre, Isola Superiore dei Pescatori und Isola Bella, der schönsten der drei mit Schloss und beeindruckenden Terrassen mit südländischer Bepflanzung und der Silhouette zahlreicher Statuen, die sich gegen den Himmel abheben. Reger Boots-shuttle-Verkehr verbindet Festland und Inseln. Ein Highlight am anderen Seeufer ist das Kloster Santa Caterina del Sasso aus dem 13. bis 16. Jahrhundert, das an die senkrechte Felswand angebaut wurde und dessen Kirche und Turm über hunderte von Stufen auch von der Seeseite zu erreichen sind. Allerdings gibt es nur den offiziellen Anleger für die Berufsschifffahrt. Anlegen verboten! So wird unser Besuch mit illegalem Anlegen an dem viel zu hohen Steg zur abenteuerlichen Kletterpartie. Und die Idylle endet vorzeitig mit blitzartigem Einsteigen und überstürztem Ablegen, da wider Erwarten doch noch ein Fahrgastschiff kommt. Bedauerlicherweise müssen wir ohne Fahrtenleitung flüchten, die Mannschaft schafft es aber und sammelt die fehlenden Mitruderer im Hafen nebenan wieder ein. Unterwegs gucken wir uns die Festung Rocca di Angera näher an. Unser neuer Steuermann Matthias wird schon übermütig und versucht, unser Richtungsempfinden durch einen Vollkreis zu narren.
Nach 34 km Anlanden an einem Sandstrand in Arona und Einkaufen. Es gibt zu Hause köstliche Spaghetti Bolognese und Salat.

Dienstag, 03.10.2016
Wir merken nichts vom heimischen Feiertag, sondern drehen eine Runde im südlichen Teil des Sees und rudern dann noch den Ticino entlang so weit es geht, das heißt bis zum Wehr. Hier sieht die flache Landschaft mit Vorortbebauung ganz anders aus. In Cesto Calende gibts draußen einen Mittags-Imbiss mit leichtem Vino Frizzante und italienischem Ambiente.
Unser (eigentlich ja fachfremder neuer) Steuermann versucht sich nun doch zum ersten Mal als Schlagmann und macht das ganz großartig!
Wir rudern noch eine Acht, die erste von letztlich dreien von drei verschiedenen Steuermännern (ich glaube, die von Detlef ist die beste), das macht die 26 km voll.

Mittwoch 04.10.2017
Am lang angekündigten ruderfreien Wandertag mit individuellem Programm fahren etliche von uns ab Stresa mit der Seilbahn zur Mittelstation des Berges Mottarone und erklimmen den Rest von 800 m bis 1490 m zu Fuß. Leider bleibt uns der 7-Seen-Blick durch Nebel verwehrt und zu dritt verzichten wir, auch kältebedingt, auf den Botanischen Garten sondern machen noch eine kleine 2-Insel-Rundreise mit den Shuttlebooten und laufen um die Isola Bella und Pescatori und genießen schon wieder eine andere Perspektive. In Stresa, das durch seine vielfältigen prächtigen Hotelbauten auffällt, wählt Norbert natürlich das schönste und protzigste Jugendstilhotel für den Feierabenddrink (köstlicher Americano), das Grand Hotel et des Iles Borromees.
Umziehen vor dem Essen gehen dauert übrigens nur 5 Minuten und in Arona finden wir ein komplett leeres Restaurant, das sich innerhalb von 15 Minuten komplett füllt (auch mit sehr ansehnlichen attraktiven Ragazze).

   

Donnerstag, 05.10.2017
Während im heimischen Norddeutschland der Sturm Xavier tobt, rudern wir bei Sommerwetter auf dem Lago Varese. Karisma wird am Club der Canottieri Varese ins Wasser gelassen. Im dortigen Leistungszentrum trainieren auf den Rudersport- und Regattastrecken internationale Teams und Nationalmannschaften (man kann auch Ruderkurse buchen), die die idealen Wasserbedingungen mit spiegelglattem See und ohne Wind schätzen. Nur zum Baden ist das Wasser wegen Überdüngung ungeeignet. Baden verboten. Ringsum imponieren Schilfgürtel und üppiger Bewuchs mit Seerosen und Sumpfdotterblumen, Gummienten sind offenbar als Lockvögel in Ufernähe vertäut; es gibt kaum Ortschaften und wenig Bebauung. Nahe der weiteren Regattastrecke der Canottieri Gavirate genießen wir einen Imbiss unterm Sonnenschirm, wobei sich auch unser spontaner Mitruderer von den ungeahnten Strapazen erholen kann. Ruderstrecke heute 23 km und wir haben auch den diesmaligen Geschwindigkeitsrekord mit 12 km/h aufgestellt! Abends je nach Gusto wieder ein nobles Restaurant in Arona, einige bevorzugen, selbst zu kochen.

Freitag, 06.10.2017
Morgendliches Himmelsspektakel: Venus im Morgenrot vor Rocca di Angera. Der letzte Rudertag auf dem 290 m hoch gelegenen Bergsee Lago D’Orta, ein weiterer Sommertag. Der Platzwart des Campingplatzes befördert Karisma mit seinem kleinen Trecker die steile und enge Rampe hinunter und bis ins Wasser, genial. Wir können uns kaum sattsehen an den unterschiedlichen Villen mit gepflegten parkartigen terrassierten Grundstücken an den Ufern mit üppigem Bewuchs mit Hortensienbüschen und Pampasgras und dem Anblick der malerischen Insel Isola San Giulio mit Abtei und Basilika (in der die vermeintlichen Überreste des Heiligen in einem Glassarg ruhen sollen).
Zur Pause legen wir geruhsam in einem verschlafenen Bergdorf namens Ronco an, in dem zumindest eine Einheimische und zwei Touristen gesichtet werden. Die leeren Gassen führen steil bergan zur Kirche und zum Friedhof. Innerhalb weniger Minuten kommt dann ein heftiger Wind auf und peitscht mit hohen Wellen Karisma gegen die Spuntwand, so dass sie einige oberflächliche Blessuren davonträgt. Die Jungs ziehen sie mühsam in einen engen privaten Bootsplatz, wir klettern in das schaukelnde Boot, rudern mit aller Kraft los und überqueren gegen die ruppigen Wellen den See. Erst hinter der Halbinsel in Lee wirds dann wieder ruhiger, so dass noch die beste Acht zustande kommt, insgesamt wieder 23 km. Am Campingplatz wird das Boot abschließend noch mal ordentlich geputzt und verpackt, bevor wir (da für die Nobelrestaurants zu früh dran) in einer echt italienisch-kargen Bar mit Kühlschrank-Ambiente das Abschiedsessen in dem hübschen Orta zelebrieren.
Wir haben den Süden genossen, den Sommer verlängert und sind insgesamt 146 km gerudert.

Sonnabend, 07.10.2017
Abreisetag, Edith und Matthias fahren mit dem Auto, Christine und Diether fliegen und Annette steigt in Locarno in den Zug. Norbert kutschiert Claudia, Detlef, Ilse, Rolf, Emmi und mich und Karisma gewohnt routiniert nach Hause.
War wieder eine tolle Fahrt. Vielen Dank an alle Mitruderer, Köchinnen, Frühaufsteher, den genialen Steuermann und Einwinker und vor allem den souveränen Fahrtenleiter! Bis zum nächsten Mal.

VERÖFFENTLICHT VON UNTER Allgemein, Italien, Kirchboot AM 29. Oktober 2017

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